Bildungspolitik – Anspruch und Wirklichkeit und Wahrnehmung

Das anspruchsvolle Thema hat am Samstag, den 11. Mai 2019 ca. 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Neuwied ins Werner-Heisenberg-Gymnasium zum Landeselterntag gelockt.

Als fast philosophisch bezeichnete Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig das Thema, da zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung unterschieden werde. So könnten z. B. ihre großen Anstrengungen für die wirklich gute strukturelle Unterrichtsversorgung durch einzelne Probleme bei der Abdeckung temporären Vertretungsbedarfs überlagert werden. Aus ihrer Sicht könne Rheinland-Pfalz stolz sein auf Vieles, was gelinge, auch wenn sie sowohl bei der Unterrichtsversorgung als beim Erreichen der Bildungsstandards etwa in der Grundschule Verbesserungsbedarf einräume und plane.

Im Gegenzug stellt Landeselternsprecher Dr. Thorsten Ralle den Anspruch, nämlich das Erreichen der Bildungsziele, in den Vordergrund. Er forderte, dass Bildungspolitik konkrete Ziele etwa für das Ende der Grundschule, die Ausbildungsreife oder die Studienreife definieren und die Verantwortung für deren Erreichen übernehmen müsse – und zwar in allen Regionen des Landes.

Gespannt erwartet wurde der Vortrag des renommierten Bildungsforschers Prof. Dr. Kai Maaz, der zunächst übergreifende Trends und Problemlagen vorstellte und anschließend zentrale Herausforderungen identifizierte. Unter den Trends (und Problemlagen) nannte er erstens den Zuwachs an Bildungsteilnehmer*innen besonders in der frühen Bildung und in den Hochschulen, zweitens die wachsende Heterogenität durch Migration, Inklusion und durch Sozial- und Leistungsunterschiede, drittens den Trend zu höherer Bildung, viertens anhaltende Disparitäten zwischen Bildungsbenachteiligten und Leistungsspitze sowie fünftens unterschiedliche Entwicklungsperspektiven von Bildungsregionen wie die Altersstruktur und die demographische Entwicklung. Sechstens beleuchtete er die Bedeutung von Bildungsprozessen für Individuum und Gesellschaft und kam zu dem Schluss, dass Bildung sich (nicht nur) im Erwerbsleben auszahle, dort allerdings für Frauen und Männer in unterschiedlichem Maße, was wiederum ein Problem darstelle. Die Bundesländer hätten auf die veränderten Bedingungen mit Um- und Ausbaumaßnahmen der Bildungseinrichtungen reagiert, die jedoch die Erkenn- und Vergleichbarkeit von Bildungsangeboten über die Ländergrenzen hinweg erschwere. So hießen Schularten, die mehrere Abschlüsse anbieten, in jedem Bundesland anders und Oberschulen böten in dem einen Bundesland das Abitur an und in anderen nicht. Ein großes Problem sei die Bereitstellung von pädagogischen Fachkräften und von Lehrkräften in ausreichender Anzahl sowie deren intensive Förderung und Unterstützung angesichts der aufgezeigten Herausforderungen. Außerdem müsse man sich über Qualitätsmaßstäbe verständigen: Neben den erzielten Ergebnissen (Output) sei die Bildungsqualität auch zu messen an Rahmenbedingungen wie Erreichbarkeit, Durchlässigkeit, Chancengerechtigkeit, Finanzierbarkeit oder Vergleichbarkeit. Aus Prof. Maaz‘ Sicht machen die Herausforderungen an das Bildungssystem an den Ländergrenzen nicht halt. Daher seien Kooperationsstrukturen zu verbessern und der geplante nationale Bildungsrat dringend einzurichten, wo sich nicht nur Bund, Länder und Kommunen sondern auch weitere Partner abstimmen könnten. Die Entscheidungen müssten durch eine hohe Transparenz eine breite Akzeptanz sichern.

In der anschließenden Podiumsdiskussion konnten nur drei von fünf geplanten Themen mit Ministerin Dr. Hubig, Prof. Dr. Maaz und Landeselternsprecher Dr. Ralle besprochen werden. Der stellvertretende Landeselternsprecher Meier begann mit einer Frage an alle drei Podiumsmitglieder zur Notwendigkeit von multiprofessionellen Teams angesichts von gestiegenem Förderbedarf, Teilleistungsschwächen, häufigen psychischen Auffälligkeiten, und Defiziten bei Konfliktlösungsstrategien. Das Land fördere Schulsozialarbeit an Realschulen plus, Integrierten Gesamtschulen, Förderschulen und Berufsbildenden Schulen, antwortet die Bildungsministerin. Ziel sei, auch alle Grundschulen und mehr Gymnasien mit Schulsozialarbeiter*innen zu versorgen. Die Zahl der Schulpsycholog*innen sei aufgestockt worden. Ansonsten verweist sie auf 14 Schulpsychologische Beratungszentren im Land, auf das Institut für Lehrergesundheit und Präventionsprogramme wie „Mind matters“. Bildungsforscher Maaz stimmt der Aussage zu, dass Veränderungen in Schule und Gesellschaft auch Veränderungen beim Personal nach sich ziehen müsse. Dabei sei jedoch nicht einfach Schulsozialarbeit an jeder Schule wichtig, sondern vor allem angemessene pädagogische Konzepte, eine Vereinheitlichung der Zuständigkeiten und eine Gleichwertigkeit der Professionen notwendig. Auch der Landeselternsprecher wünscht sich eine klare Zuständigkeit des Landes für die Professionen, die die Lehrkräfte ergänzen, während Ministerin Dr. Hubig auf die Verantwortungsteilung von Land und Kommunen verweist und eine Beteiligung des Bundes bei der Bildungsfinanzierung fordert. Aus Forum 7 „Soziales Lernen – Gemeinsam Klasse werden in der Orientierungsstufe“ kam der Wunsch nach ergänzenden Maßnahmen zur elterlichen Erziehung in der Schule. Hier wurden verpflichtende Fortbildungen zur Durchführung von Unterrichtseinheiten zum Sozialen Lernen angeregt, da entsprechende Kompetenzen nicht nur das Klassenklima förderten, sondern im beruflichen Kontext ebenso wichtig seien wie fachliche.

Moderator Meier rückt im Folgenden die Rahmenbedingungen in den Fokus der Debatte. Schulen benötigen mehr und größere Sporthallen, mehr Schulsekretariatsstunden, Schulbaurichtlinien, die dem Bedarf entsprächen und eine gute Ausstattung mit und zuverlässige Instandhaltung von digitalen Medien. Von Eltern wünschen sich Lehrkräfte mehr Unterstützung. Prof. Dr. Maaz bedauert, dass im Bildungssystem häufig nur noch auf Probleme reagiert werde. Ihm fehlen pädagogische Visionen. Er würde gerne das Curriculum durchforsten, analoges und digitales Wissen zusammenbringen und evtl. ganz neue Fächer einführen. Statt verschiedener Unterrichtsdeputate für die unterschiedlichen Lehrämter schlägt er Jahresarbeitszeitmodelle vor. Und Dr. Ralle verspricht sich von den multiprofessionellen Teams eine wichtige Entlastung der Lehrkräfte. Im Forum 4 „Lesen, Schreiben, Rechnen – Auf dem Weg zur Bildungskarriere“ seien außerdem die Vorschläge des LEB unterstützt worden, in der Grundschule die Kernbereiche mehr in den Fokus zu rücken und mehr zu üben. Ministerin Dr. Hubig räumt ein, dass die Ergebnisse der IQB-Studie auch ihr Sorgen machten. Die geplanten Maßnahmen zur Qualitätssteigerung, wie die Festlegung eines Grundwortschatzes und verschiedene Programme, seien ein guter erster Schritt und stärkten die Kernbereiche, aber die Verbesserungen könnten nicht kurzfristig erwartet werden. Qualitätsentwicklung sei wie das Bohren dicker Bretter. Sie ist gespannt auf die Visionen des nationalen Bildungsrates, weiß aber, dass Visionen auch umgesetzt und finanziert werden müssen. Die Fragen danach, wo es hingehen solle und wie man allen gerecht werden könne, findet sie dennoch sehr wichtig. So seien die gemeinsamen Anstrengungen beim Digitalpakt und in anderen Bereichen positiv.

Es folgen Fragen aus den Foren, die am Vormittag stattgefunden haben: Aus Forum 5 „Digitale Medien in der Schule“ wird nach einer zeitgemäßen Ausstattung gefragt. Die sei bereits durch die Schulen und die Schulträger vereinbart, so Ministerin Dr. Hubig. Der Landesbetrieb Daten und Information sowie das Bildungsministerium berieten auf Wunsch die Schulen und die Schulträger. Für die Anwendungsbetreuung erhielten die Schulen ein Budget zur Inanspruchnahme von externem Know How. Innerhalb der Schulen sollten digitale Koordinator*innen für medienpädagogische Konzepte zuständig sein. Das Pädagogische Landesinstitut entwickle web-basierte Plattformen, die im kommenden Jahr in die Pilotierung gehen sollten und 2020 in allen Schulen genutzt werden könnten. Es werde keine Verpflichtung für Schüler*innen geben, ein bestimmtes eigenes Endgerät mitzubringen. Finanziert würden jedoch nur 20% der digitalen Endgeräte. Auf die Frage nach dem Einsatz von Lernvideos in den Schulen wie die von „Lehrer Schmidt“ aus dem Forum 1 erwidert die Ministerin, dass sie Methodenvielfalt gut finde, dies jedoch in den Schulen entschieden werde.

Im Forum 3 „Eltern mit Wirkung“ sei deutlich geworden, dass es immer noch Schulen ohne einen Schulausschuss oder Schulen, in den es nur Dienstbesprechungen und keine Gesamtkonferenzen mit Elternbeteiligung gebe. Ministerin Dr. Hubig empfiehlt, mit diesen Fällen die Schulaufsicht zu befassen, denn die Elternrechte müssten auch in der Praxis gelebt werden.

Die Frage, wie unterschiedliche Schularten qualitativ gleichwertige Abschlüsse, etwa den Mittleren Abschluss oder das Abitur, anbieten könnten, richtet der Moderator an Prof. Dr. Maaz. Dafür dienten die Standardsetzungen, deren Erreichen z. B. mithilfe von VERA überprüft werden könne, lautet seine Antwort. Nur müssten dann die Monitoring-Instrumente auch genutzt werden, um den Unterricht zu verbessern! Dazu macht Ministerin Dr. Hubig eine wichtige Aussage: In Rheinland-Pfalz würden verschiedene dieser Monitoring-Instrumente eingesetzt, z. B. VERA 3 und 8, die IQB-Studie oder die Timms-Studie. Auf diese Studien müssten auch Maßnahmen folgen! Sie habe nach der Veröffentlichung der letzten IQB-Studie, die für Rheinland-Pfalz Ergebnisse im unteren mittleren Bereich ergeben habe, Fachgespräche geführt und Arbeitsgruppen eingerichtet. Aus deren Vorschlägen seien Maßnahmen entwickelt worden, die nun vor Ort umgesetzt werden müssten. Auf eine ähnliche Art und Weise müssten Schulen auch mit den VERA-Ergebnissen umgehen. Ohne Konsequenzen zur Verbesserung zu ziehen, sei ein Monitoring- Instrument zu nichts nutze.

Moderator Markus Meier fasst zusammen: Die Ansprüche an die Bildungspolitik sind hoch, aber die Wirklichkeit angesichts des notwendigen Geldes schwierig. Wahrzunehmen sei immerhin, dass alle willens seien, etwas zu verbessern.

Der Landeselternbeirat bedankt sich herzlich bei allen, die zum Gelingen des Landeselterntages beigetragen haben:

  • an erster Stelle bei Prof. Dr. Kai Maaz, dessen Vortrag wissenschaftlich fundiert und sehr anspruchsvoll war!

  • bei der Schulgemeinschaft des Werner-Heisenberg-Gymnasiums, den Gastgebern des Landeselterntages! Schulleiter OStD Marcus Kurz, seine Stellvertreterin StD Christine Osenberg und sein Stellvertreter StD Wolfgang Patt, die Schulelternsprecherin Ute Müller und ihr Team sowie die Hausmeister Andrej Hansel und Reiner Müller sowie die Techniker Mehmet Mürtz und Markus Leitzbach haben keine Mühen gescheut und uns mit allen Kräften unterstützt.

  • bei allen, die ein Forum geleitet haben! Sie haben mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Themen Lernvideos, Inklusion, Elternrechte, digitale Medien in der Schule, Unterrichtsversorgung, soziales Lernen und die Notwendigkeit von Lesen Schreiben und Rechnen für die Bildungskarriere erörtert. Die Foren sind eine wichtige Ergänzung des Hauptreferats und für viele ein wichtiger Grund zur Teilnahme.

  • bei Ministerin Dr. Stefanie Hubig, dem Referenten Prof. Dr. Kai Maaz, und dem Landeselternsprecher Dr. Thorsten Ralle, die in der Podiumsdiskussion aus ihrer je eigenen Perspektive zum Thema Bildungspolitik Stellung bezogen haben.

  • und nicht zuletzt bei den Verbänden, die mit dem Markt der Möglichkeiten die Angebote vervollständigt und sich als Ansprechpartner der Eltern präsentiert haben.